Kyrgyzstan – von der Askese in die Oase

Km 5039 – Bishkek, Kyrgyzstan

WETTER & GENERELLES

Kyrgyzstan (auf Deutsch auch Kirgisistan, Kirgistan oder Kirgisien genannt, amtlich: Kirgisische Republik) entpuppt sich als unsere Oase in Zentralasien. Es ist das einzige Land dieser Region, für das wir kein Visum benötigen. Hier gibt es weder Kleidungsvorschriften noch Registrierungspflichten und mithilfe eines einzigen Stempels dürfen wir volle zwei Monate bleiben. Zudem steigt die Verfügbarkeit von Waren explosionsartig (z.B. Milchprodukte) – dazu später mehr.

In Kyrgyzstan leben rund 80 Ethnien miteinander. Die meisten Menschen sind kirgisisch (65%), uzbekisch (14%) oder russisch (13%). Das Land ist bekannt für seine atemberaubende Natur: es gibt viele Berge, Gletscher, Bergseen und Schluchten sowie einige heiße Quellen. Zudem leben hier noch viele Nomaden im Gleichgewicht mit der Natur (nur ca. ein Drittel der Bevölkerung lebt in städtischen Gebieten). Das Wetter ist – aufgrund der Höhe (durchschnittlich 1000m) – deutlich kühler als in Uzbekistan. Dennoch liegen die Temperaturen bei sommerlichen 30 Grad und mehr.

OSH

  • Auch in der Grenzstadt Osh fühlen wir uns willkommen. Die Grenzbeamten begrüßen uns mit „welcome to Kyrgyzstan“ und mehrere Passanten rufen uns „welcome to Osh“ zu. Ein Mann überholt uns auf seinem Fahrrad und übergibt uns – ohne abzusteigen – eine handvoll süßer Pfirsiche.
  • Osh hat sowjetischen Charme. Im Gegensatz zu den Uzbeken haben die Kirgisen das russische Alphabet beibehalten. Es nieselt leicht als wir durch die Stadt rollen – und wir genießen das kühle Wetter in vollen Zügen. Osh ist ein weiteres Nadelöhr für alle Reisende der Region. Im „Osh Guesthouse“ treffen wir fünf Radler, denn Osh liegt bei Tajikistans Pamir Highway, ist die letzte große Stadt vor dem chinesischen Grenzübergang und der meist frequentierte Übergang nach Uzbekistan. Trotz hoher Radlerquote sind wir froh, dass uns das Hostel abweist, da alle Betten belegt sind. In das winzige Apartment wurden 17 Betten gequetscht und es gibt nur ein Klo.
  • Zwei Blocks weiter checken wir bei „Elmira“ ein. Gleicher Preis für fünffachen Komfort. Dana und Eran, unsere israelischen Nachbarn, laden spontan zum Abendessen in ihr Zimmer ein. Das kommt uns wie gerufen, da schon dunkel ist und wir noch keine kirgisischen Som abgehoben haben. Es gibt vegane Suppe mit Sojasprossen garniert. Die beiden sind hardcore Veganer und würden z.B. nie ein Pferd reiten. Der Hauptgrund: Es ist nicht notwendig das Tier (aus) zu nutzen, weil es andere Möglichkeiten (für Transport, Sport, Spaß, etc.) gibt. Die geistige Haltung finde ich grundsätzlich richtig. Der Mensch macht sich viel zu wenig Gedanken über seine Vormachtstellung in der Welt. Ohne inne zu halten, schlachten und benutzen wir Umwelt, Natur und Tierwelt.
  • Nach zwei Nächten im Hostel dürfen wir zu den Eltern von Umar umziehen. Umar selbst kann uns nicht hosten, fand unsere Anfrage aber so nett, dass er seine Eltern gefragt hat. Diese willigen sofort ein und verwöhnen uns zwei Tage mit kirgisischen Köstlichkeiten. Wieder einmal erfahren wir den großen Unterschied zwischen Streetfood (= immer das Gleiche) und der vielfältigen Küche zu Hause. Zur zentralasiatischen Küche gibt es eine gute Übersicht auf dem Blog von Will (auf Englisch).

OSH – BISHKEK

  • Wir bleiben zwei Nächte in Arslanbob, einem sympathischen kleinen Bergdorf auf 1600m, dass rund 50 km von der Hauptstraße entfernt liegt. Es ist ein wenig touristisch (z.B. Eintritt für Wasserfälle), hat insgesamt aber eine hübsche Kulisse mit viel Grün und majestätischen Bergen.
  • Weiter hitchen Richtung Bishkek: Ein LKW voller Zwiebeln hält und ich muss unseren ganzen Kram hinter einen Zwiebelberg wuchten. Später bereuen wir die aufwändige Aktion etwas, weil es schon spät geworden ist. Im Dunkeln steigen wir aus und suchen einen Zeltplatz. Hundemüde und verschwitzt fallen wir ins Bett. Die Fahrt war dennoch nett, weil sie durch eine kilometerlange Schlucht führte, in der sich ein schmaler Stausee befindet, dessen Anblick wir ins uns aufsaugten.
  • Am nächsten Tag bringt uns Bachtir in seinem Laster auf einen hohen Pass (3100m). Oben steigen wir aus und staunen nicht schlecht. Vor uns liegt ein grünes Tal mit unendlicher Weite, umringt von hohen, schneebedeckten Bergen. Zu der Kulisse gehören frei laufende Pferde, die an den klaren, kalten Flüssen trinken, an deren Nähe auch die kleinen Jurten stehen. Hier bekommt der Reisende Kimiz (ein saures Getränk aus Pferdemilch) und Kurut (kleine Kugeln aus trockenem Joghurt bzw. eine Art Hartkäse). Die Welt scheint noch in Ordnung zu sein. Klare Luft, klares Wasser, kaum Müll am Straßenrand. Die einzige Zivilisation sind die Jurten, diese weißen runden Zelte, in denen die Nomadenfamilie auf dem Boden sitzt, schläft, lebt.
  • Vor dieser Kulisse kochen wir ein Auberginen-Tomaten-Ei-Gericht, welches wir von Umars Mutter gelernt haben. Später zelten wir an einem hübschen Platz, direkt am Fluss mit Aussicht auf die Weite, die Berge, die Natur. In der Ferne treiben zwei Reiter ihre Schafherde in der Abendsonne nach Hause. Diese Einfachheit und Unberührtheit führt zu einem unbeschreiblichen Glückszustand.
  • Ca. 60 km vor Bishkek überrascht uns ein großer Supermarkt. Nach einer ganzen Weile kommt Jana strahlend wieder aus der Glastür: mit zwei Tüten voller Leckereien. Wir kochen Grießbrei – direkt vor dem Supermarkt und erfreuen uns an Joghurt, Milch, Käse, dunklem Brot, Schokolade, Haferflocken, Müsliriegel sowie Wasser mit Kohlensäure – das haben wir seit Wochen vermisst!

EIN PAAR GEDANKEN ZUM KONSUM

Nein, wir kennen nicht den Sinn des Lebens. Aber sowohl der Verstand als auch das Herz sagen uns, dass die Anhäufung von materiellen Dingen nicht glücklich machen. Im Gegenteil sie werden zum Ballast. Das ist eines der unzähligen Paradoxien moderner Wohlstandsgesellschaften: Einkaufen (= Konsum) wird zur Freizeitbeschäftigung. Das ist vollkommen absurd, gibt dem sinnentleerten Leben der armen Seelen aber ein kurzfristiges Glücksgefühl – wie ein Stück Schokolade. Ist der Mini-Rausch vorbei, muss der nächste her. Geld gibt es genug.

So bleibt die Masse berauscht, Tag für Tag, Jahr für Jahr und häuft riesige Mengen Ballast an. Noch absurder wird es, wenn die kleine Menschenseele irgendwann vom Ballast erdrückt, anfängt diesen weg zuschmeißen, einzig und allein um Platz zu machen – für neuen Ballast.

Das Geld für diesen Kreislauf (Konsum materieller Güter, Glücksgefühl, Güter werden zu Ballast, wegschmeißen und neuer Konsum) wird brav in Vollzeitjobs herangeschafft. Arbeit als Ideal! Dieses steht über Umwelt, Gesundheit, Frieden. Diese Gedanken zeigen eigentlich nur, wo ich mich nicht einreihen möchte. Ich will dieses System (das auf Kosten der Umwelt und der nächsten Generationen lebt) (so) nicht unterstützen.

BISHKEK

  • Hatten uns zuvor so einige Menschen vor dem türkischen und iranischen Verkehr gewarnt, so steht für uns eindeutig fest: Bishkek ist der bisher gefährlichste Ort unserer Reise für Radfahrer. Eine beispielhafte und leider alltägliche Erfahrung: Eine Bonzenkarre aus dem Gegenverkehr kommend, schlägt scharf ein und kommt abrupt auf unserer Fahrbahn zu stehen. Jana bremst scharf und kommt gerade noch vor dem Auto zu stehen. Hier fehlt vor allem die nötige Rücksicht vor Radfahrern. Oft wird uns einfach die Vorfahrt genommen!
  • In Bishkek wollen wir eine längere Pause einlegen. Wir ziehen für zwei Wochen in ein mickriges Zimmer mit solidem Straßensound. Die Vorteile sind eine gute Internetverbindung, ein geräumiger Aufenthaltsraum, der Supermarkt gegenüber und die Nähe zu Stadt und Basar.
  • An Janas 30. Geburtstag genießen wir morgens ein ausgiebiges Frühstück und werden abends von Maria und Zigor, einem sympathischen Radlerpärchen aus Spanien, das wir schon aus Tehran kennen, eingeladen. Die zwei bekochen uns fein und haben sogar zwei Geburtstagskuchen gebacken. Auch sonst verbringen wir einige Zeit gemeinsam mit den beiden in Bishkek.
  • Unsere Zeit in der Hauptstadt vergeht wie im Fluge: vor allem in den ersten Tagen schlemmen wir uns durch ein paar Restaurants, aber wir kochen auch selbst (oft mit Maria und Zigor), erkunden den Basar, organisieren uns ein wenig (Visum für Kazachstan beantragen, Blog überarbeiten). Sogar ein abendlicher Cafe-Treff, eine WG-Party und kurzer Ausflug in den Kletterwald finden neben dem Ausruhen noch Platz.
  • Auch in Bishkek treffen wir viele neue Reisende und Radler, aber auch einige alte Bekannte, neben den bisher genannten auch Manu & Jonathan: unsere österreichischen Reisegefährten aus der Türkei – die noch bis Georgien geradelt sind, ihre Räder dort abgestellt haben und nun zu Backpackern geworden sind.
  • Viele Reisende, viele Geschichten und Infos – viele schöne Gespräche! Denn alle haben sich losgeeist von gesellschaftlichen Konventionen, von dem Ideal einen möglichst geradlinigen – man könnte auch sagen „glattgelutschten“ Lebenslauf anzufertigen! Die Radreisendencommunity hat auch Einfluss auf eine Frage, die wir uns in den letzten Wochen gestellt haben: Wollen wir weiterreisen wie bisher? Das Reisen in der letzten Zeit war schön, aber auch mühsam und manchmal nervt die ganze Ausrüstung (= Ballast). Zudem hat sich das Verhältnis „Fahrrad“ zu „andere Transportmittel“ inzwischen umgedreht (ca. 13000 km insgesamt, davon 5000 km per Rad). Warum also noch das Rad und die Spezialausrüstung (Werkzeug, Ersatzteile, etc.) mitschleppen? Auf der anderen Seite ist mir nach einem Gespräch mit Maria und Zigor noch einmal klar geworden: das Reisen per Rad ist etwas ganz Besonderes. Die Unabhängigkeit, die Verbindung und Nähe zu den Menschen und zur Natur, die langsamen und damit selbstverständlich erscheinenden Veränderungen in der Kultur. Das ist bei anderen Reisestilen viel schwieriger. Das bestätigen uns auch Manu und Jonathan, die das gerade erleben und sich z.B. über ein überteuerte Taxipreise ärgern – das Fahrrad gibt Freiheit!

Die dazugehörigen FOTOS sowie die ROUTE zu diesem Blogeintrag sind wie immer unter den beiden Links zu finden (einfach auf das jeweilige Wort klicken)!

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