Kasachische Steppen

Km 5528 – Oskemen, Kasachstan

WETTER & GENERELLES

Kasachstan ist unser viertes und letztes „stan“-Land. Die Einwohner Türkmenistans,
Usbekistans, Kirgisistans und Kasachstans gehören zu den Türkvölkern, d.h. ihre Sprache ist mehr oder weniger mit dem Türkischen verwandt. Da jedoch alle zentralasiatischen Staaten auch Ex-UdSSR-Länder sind, haben viele Menschen Russisch als erste Fremdsprache (oder sogar Muttersprache) gelernt. Neben der geographischen Lage teilen sich die „stans“ auch das kontinentale Klima mit bis zu -40 Grad im Winter und über +40 Grad im Sommer. Darüber hinaus gehören in allen Ländern der Großteil der Bevölkerung zu den sunnitischen Muslimen (im Gegensatz zu den schiitischen Muslimen im Iran). In Almaty war es warm bis heiß mit 35
Grad. Doch in den Bergen und im Norden war es weitaus angenehmer mit 15-25 Grad.

GRENZE – ALMATY

  • An der Grenze läuft alles glatt. Obwohl ein neugieriger Beamter in jede einzelne Tasche schaut, sind wir in rekordverdächtigen 30 Minuten in Kasachstan.
  • Es ist das erste Land (seit der Türkei), in dem das Hitchen etwas schwieriger ist. Nach 40 km radeln – die Hitze ist wieder da – ruhen wir uns im Schatten aus. Nuci und Azamat winken uns zu sich an den LKW, weil sie uns eigentlich eine riesige Melone schenken wollen. Doch ich komme den beiden zuvor und frage, ob sie uns nicht ein Stück mitnehmen könnten. So landen unsere Räder auf einem Berg Melonen. In der Fahrerkabine herrscht gute Laune, die Jungs sind aufgeschlossen und kurz vor Almaty lassen sie uns raus.
  • In der ehemaligen Hauptstadt Almaty treffen wir unsere Gastgeber Andrej und Lena. Andrej ist Graphik-Designer (mit Chemiestudium) und will am Wochenende einen Zusatzauftrag erledigen. Das liegt sicherlich auch daran, dass die beiden einen Kredit von mehreren tausend Euro zurückzahlen müssen. Das Geld hatten sie sich geliehen, um in Tschechien zu studieren. Der Traum platzte, weil der Visaantrag abgelehnt wurde. Das Geld (Anzahlung der Studiengebühren, etc.) wurde nicht erstattet. So verbringen wir mehr Zeit mit Lena, die wie Jana Psychologin ist. Wir genießen den guten Humor der beiden, ein Bierchen, einen Film – so unkompliziert, so schön.

ALMATY – ESIK PLATEAU – SHARYN CANYON

  • Mit Tas, unserem zweiten Gastgeber in Almaty, fahren wir mit dem Bus nach Esik, um von dort auf ein Plateau (2500m) zu radeln. Tas ist fit und fährt ein leichtes Mountainbike mit Rucksack. Wir hingegen haben unsere Straßenräder und das komplette Gepäck dabei. Dementsprechend sind wir deutlich langsamer als der etwas verrückte Australier, der unbedingt das von ihm gesetzte Ziel (Plateau) erreichen will. Der Plan scheint kaum zu erfüllen, auch weil ich spontan zum Raften eingeladen werde. Am Ende der Asphaltstrecke erwischt Jana eine Mitfahrgelegenheit und nimmt das gesamte Gepäck mit nach oben. Diese Erleichterung (insgesamt 1500 Höhenmeter zu bewältigen) entpuppt sich kurze Zeit später als Erschwernis als meine Kette reißt. Wir schauen uns den Schaden kurz an und Tas raunt „This will be a loooong night“ – denn ich werde das Rad schieben und er wird vorfahren, um Werkzeug und Ersatzteile zu holen. Aber ich habe Glück und schaffe es mit zwei Rides (Autos waren selten) nach oben zu Jana, die das Zelt schon aufgebaut hat. Bei meiner Ankunft beginnt es in Strömen zu regnen und als Tas eine halbe Stunde später erschöpft auftaucht, ist er komplett nass.
  • Tas hat über den gemeinsamen Teil im Esik-Plateau sogar ein Video zusammengestellt, hier der Link:http://www.youtube.com/watch?v=X6Vbzffhn3s&feature=youtu.be
  • Wir brauchen drei einhalb Tage für die knapp 150 km (Tas würde nur zwei Tage brauchen, musste aber früher heimkehren, weil er Bereitschaftsdienst hat). Wir müssen oft schieben und fluchen über die Straße – gleichzeitig fasziniert uns die wilde und einsame Berglandschaft. Wir kochen am Feuer und sitzen unter funkelnden Sternen – die Anstrengung war es wert.
  • Am Endpunkt, dem kleinen Dorf Kökpek, treffen wir auf Hugh & Pauline, ein englisches Radlerpärchen. Sie empfehlen uns zum „Sharyn Canyon“ zu radeln. Als wir nach einer extrem kurzen Nacht (das Zelt ließ nicht richtig abspannen und der Wind ließ die Plane ohrenbetäubend flattern) wieder aus der hübschen Schlucht raus fahren, hält ein großer Jeep und Michaela & Johannes steigen aus. Die beiden Österreicher machen uns ein großes Geschenk: eine ordentliche Landkarte der Mongolei! Perfekt, denn diese ist außerhalb Europas nicht zu bekommen.
  • Nachdem wir eine Reparatur an der von der Schotterpiste lose geruckelten Kassette (= hinteres Ritzelpaket) vornehmen, gönnen wir uns in der Kleinstadt Shelek ein modernes Hotel (Internet, heiße Dusche, gutes Bett).

SHELEK – TALDYCHORGAN

  • Die Strecken in Kasachstan, dem neunt-größten Land der Erde, sind enorm und wir wollen endlich in den Norden (ca. 1200km). So strecken wir wieder unseren Daumen auf die Straße.
  • Wir warten ein bisschen und auf einmal hält ein uralter Truck. Dschingis guckt aus dem Fenster und willigt sofort ein uns mitzunehmen. Er öffnet eine Doppeltür am Heck und uns eröffnet sich ein kleines, sonnendurchflutetes Zimmer mit einem großen Bett, zwei Kochplatten, einem Ofen. Wie ein riesiger, ausgebauter VW-Bus. Jana setzt sich zu Dschingis und Marlin in die Kabine und ich bin froh mich auf die geräumige Pritsche legen zu dürfen. Plötzlich halten wir an und durch eines der vielen Fenster sehe ich Dschingis in einen kleinen Supermarkt marschieren. Kurz darauf öffnet sich die Tür von außen und der Gute klettert mit zwei Bier in den hinteren Teil des Trucks. Wir quatschen, denn Dschingis spricht Englisch und ich erfahre, dass der studierte Ingenieur mit seinem Kollegen die riesigen Gasleitungen, die von Kasachstan nach China führen, kontrolliert. Der ausgebaute Truck dient ihnen als Unterkunft auf diesen Dienstreisen. Der 33-jährige Kasache hat drei Söhne und wünscht sich eigentlich noch eine Tochter, aber seine russische Frau findet drei Kinder seien genug.
  • Auf der viel befahrenen Straße Richtung Norden müssen wir nicht lange warten bis Alexej mit seinem Kleintransporter hält. Er nimmt uns nicht nur 230km bis nach Taldychorgan mit, sondern lädt uns auch noch zu sich nach Hause ein. Wieder einer dieser wunderbaren Reisetage. Wir kommen im Dunkeln an und Larissa, die Frau unseres umsichtigen Fahrers, beköstigt uns mit leckeren Tortellini. Alexej geht extra noch einmal einkaufen, um seinen Gästen auch Saft und Vodka anbieten zu können. Wir trinken vier kleine Gläschen und pro Runde muss eine Person einen Tost in seiner Muttersprache sprechen. Die beiden sind überaus herzlich und großzügig und obwohl wir keine gemeinsame Sprache teilen, schaffen wir es zu kommunizieren und gemeinsam lachen. Als Alexej mir zeigt, dass er die hauseigene Sauna angeschmissen hat, die auch gleichzeitig das Badezimmer ist, leuchten meine Augen. Der geschmeidige Vodka hat meine Kehle beruhigt, ein Saunagang wird meiner leichten Erkältung helfen und mich nach dem langen Tag entspannen. Ein Traum! Nach einem herzlichen Abschied am nächsten Morgen radeln wir in tiefer Dankbarkeit winkend davon.

TALDYCHORGAN – USHARAL

  • Wir radeln aus der Stadt raus, um den Verkehr zu sieben. Dann stehen wir ca. zwei Stunden an der Straße. Doch irgendwann halten Mohammed Ali und Bachet.
  • Wieder ist es dunkel, wieder liegen ein paar hundert Kilometer hinter uns als wir die Räder vom Truck abladen. In der Dunkelheit gehen wir zum Haus gegenüber, aus dem warmes Licht durch ein kleines Fenster scheint. Wir betreten den Hof und Serik kommt auf uns zu. Ob wir hier evtl. zelten dürfen? In einer unglaublichen Unkompliziertheit führt uns Serik in ein gemütliches Zimmer und sagt: „Hier könnt ihr schlafen, hier ist Gas & Tee und die Toilette ist im Hof!“ So als ob hier wöchentlich Langstreckenradler vorbeikommen und von dieser guten Seele beherbergt werden. Später kommt er nochmal kurz und fragt uns ein wenig zu unserer Reise, wünscht aber schon bald eine gute Nacht und zieht sich zurück.

USHARAL – ZHANGYSTOBE

  • Wieder stehen wir länger am Straßenrand. Ein kleiner Transporter hält, ist voll, aber die Beifahrerin schenkt uns ein paar Äpfel. Etwas verzweifelt strecken wir die Hand bei jedem größeren Fahrzeug raus. Auch bei einem LKW mit Gastanker (= keine Ladefläche), der wie erwartet an uns vorbeifährt. Kurze Zeit später kommt der dicke Laster aber im Rückwärtsgang zu uns zurück. Andrej steigt aus, lacht und schmeißt englische, deutsche und russische Wörter um sich: no problem, davai, davai (=auf geht’s). Der Platz für die Räder ist schnell gefunden und zwar auf dem Gastank. Klingt riskant, entpuppt sich aber als einer der besten Plätze, die wir den Rädern bisher zugemutet haben. Unser Fahrer ist extrem aufgeschlossen und umgänglich. Vielleicht liegt das auch an seiner Familienstruktur. Sein Vater ist russisch, seine Mutter deutsch. Die Eltern seiner Frau sind ebenfalls international (Mutter polnisch, Vater ukrainisch). „Was sind denn dann unsere Kinder?“ fragt er sich selbst und zuckt mit den Schultern.
  • Andrej ist ein wunderbares Geschenk und wir sind froh eine große Strecke mit ihm zurücklegen zu dürfen. An einem „Kafesi“ an der Straße treffen wir Vitali, Andrejs Kollegen. Ich steige bei Vitali ein, damit die Polizei keinen Stress macht. Diese ist aus nachvollziehbaren Gründen bei allen unseren Fahrern verachtet. Einige Fahrer erklärten uns, dass hier die Polizei keine Polizei, sondern eine Mafia sei, die nur an der Straße steht, um Geld einzusammeln. So etwas hätte es in Soviet-Zeiten nie gegeben, heisst es oft. Ein interessanter Gedanke: Korruption als Folge der freien Marktwirtschaft. Nicht der Staat hat die Macht, sondern das Kapital!
  • Nach einem Tee mit Vitali fahren wir wieder lange durch die kasachische Steppe. Die Gedanken schweifen, ich lausche der Musik und das einzige was diese schon fast meditative Zeit unterbricht ist die schlechte Straße mit unzähligen Schlaglöchern.
  • Das große Erlebnis des Abends: Andrej bietet uns an in seiner Fahrerkabine zu schlafen und zieht für die Nacht in die Kabine von Vitali. So rollen wir unsere Schlafsäcke aus und freuen uns über den großzügigen Lastwagenfahrer.

OSKEMEN

  • In Oskemen treffen wir unseren Gastgeber Alexej. Er ist genial und freut sich riesig, dass wir eine Art Zwangspause in Oskemen einlegen müssen, weil wir auf eine Sendung aus Europa warten (mongoleitaugliche Jacke für Jana). So können wir mit dem sympathischen Alexej und seinen Freunden noch eine Radtour in die Altai-Alpen unternehmen.

Die zu diesem Blogeintrag dazugehörigen FOTOS sowie die ROUTE sind wie immer unter den beiden Links zu finden (einfach auf das jeweilige Wort klicken)!

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Kasachstan veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.